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1. Wilhelm Schmid - Wozu Weihnachten?


O Tannenbaum, o Tannenbaum! Wie soll ich mich entscheiden? Soll ich die Klischees alle mitmachen, duftender Baum, glänzende Kugeln, silbernes Lametta, künstliche Lichter? Oder soll ich mich in still in eine »weihnachtsfreie« Ecke verkriechen? Für moderne Menschen gibt es keine Verpflichtungen mehr, den Vorgaben für Weihnachten zu folgen; es gibt nur ein Drängen derer, die mit dem Fest ihr Geld zu verdienen hoffen. Aber niemand muss dem nachgeben, Weihnachten ist kein Muss, sondern eine Möglichkeit. Ich muss wählen.

Wählen? Wer Kinder hat, hat keine Wahl, die wollen das volle Programm. Und die haben gute Gründe dafür: Nein, nicht die Geschenke, nicht in erster Linie. Vielmehr ihr bewusstes Wissen von der Bedeutung einer wiederkehrenden Zeit, die so ganz anders ist als die vergehende Zeit in der Welt der Erwachsenen. Was ist Zeit eigentlich? Das weiß kein Mensch, nur die Erwachsenen glauben, dass sie unentwegt vergeht, und unterwerfen sich bedingungslos dem ständigen Stress dieser Zeit. Dabei machen sie doch selbst die Erfahrung, um wieviel menschenfreundlicher eine wiederkehrende Zeit sein kann. Wozu Weihnachten? Das Wichtigste daran ist seine regelmäßige Wiederkehr. In einer Welt, in der sonst alles vergänglich und ungewiss erscheint, ist diese Gewissheit tröstlich. Das gilt unabhängig davon, was Weihnachten sonst noch bedeuten kann: für die einen das heilige Fest der Geburt Jesu, für die anderen das weltliche Familienfest mit vielen Geschenken und rituellem Verspeisen einer knusprigen Gans, für viele beides zugleich, und für manche schlicht ein Graus. Für alle aber ist es die vertraute Zeit, die zuverlässig wiederkehrt.

Aus freien Stücken kann ich das Fest nun wieder gelten lassen und liebevoll pflegen, mit größerer Hingabe als bei einer bloßen Pflichterfüllung, deren Sinn nicht mehr eingesehen wird. Jetzt erst handelt es sich um eine bewusste Sinnstiftung, die darin besteht, wenigstens für ein paar Tage all das Schöne ins Auge zu fassen, das sonst vernachlässigt wird, endlich auch sich selbst zu öffnen für ein »Darüberhinaus«, über das Gewöhnliche, Begrenzte und Endliche des eigenen Lebens hinaus, wenigstens im Denken, wenigstens für einen Moment. Dann beginnt der Stress des Alltags wieder – aber ist nicht eigentlich auch dies ein Element der wiederkehrenden Zeit? O Tannenbaum, o Tannenbaum . . .

 

2. Gedichte von Petra Förg

 

Weihnachtsstress

Leise rieselt der Regen, 

Frau Holle hat wohl nix dagegen.

Wie jedes Mal ist es wieder schwer,

wo krieg ich nur was Besonders her.

Das ganze Jahr kauft sich jeder das

was er so braucht und das macht Spaß.

Und dann zu diesem Weihnachtsfest

gebe ich mir wieder mal den Rest,

rase durch die Stadt ohne Idee und Plan

stelle alles andere hinten an.

Und dann fällt mir der Wahnsinn ein,

ein riesiger Brüller wird es sein.

Die Schleife muss ich noch besorgen

doch das reicht sicher auch noch morgen.

Und dann pack ich es liebevoll ein,

denn die Überraschung werde ICH selber sein.


Weihnachten ohne Schnee

Schau mal nach draußen und wundere dich nicht,

denn weiße Weihnacht ist noch nicht in Sicht.

Hat Frau Holle mal wieder das Schütteln vergessen,

oder lässt sie sich diesmal ganz einfach nicht stressen.

Vielleicht liegt sie noch faul im dicken Kissen

und möchte die wohlige Wärme nicht missen.

Mag sein dass sie sich auf einer Reise befindet

oder ihre Kraft im Laufe der Jahre stark schwindet.

Doch Weihnachten vergessen -- das kann gar nicht sein

bestimmt kommt sie demnächst aus dem Urlaub wieder heim.

Jetzt weiß ich warum der Schnee wieder mal fehlt

und Frau Holle sich mühsam und erfolglos abquält.

Ein Weihnachtsgeschenk schon vor vielen Jahren,

lässt sie dann doch jedes Jahr aufs Neue erfahren...

Das Schütteln und Rütteln macht überhaupt keinen Sinn,

denn in der neuen Steppdecke sind keine Federn mehr drin.